Pullover: Modischer Fallstrick oder bestrickend schön?

am 11. August 2011

Früher haben die Frauen der Seeleute ihren Männern liebevoll ein Haar in den selbstgemachten Pullover eingestrickt, als Glücksbringer, wenn sie in See stachen. Frauen, die ihre Männer bestricken, sind rar geworden, und das ist modisch gesehen vermutlich auch besser so. Strickpullover können schnell peinlich werden. Aber wenn der Herbst Einzug hält gibt es von rustikal bis avantgarde durchaus reizvolles Maschenwerk für den Herrn.


V-Pulli von René Lezard

Gestrickt wird schon lange.
Im Gegensatz zum Weben, bei dem mit mehreren Fäden eine Art Flechtwerk hergestellt wird, wird beim Stricken mit einem einzigen Faden gearbeitet, der mittels Maschen in sich selbst verschlungen wird. Historische Zeugnisse belegen, dass es meist die Frauen waren, die zu den Nadeln griffen. Im syrischen Euphratgebiet wurden Stricknadeln aus dem 2. und 3. Jahrhundert nach Christus gefunden. Strümpfe und Socken hat man damals wohl vor allem gestrickt.
Einige Jahrhunderte später erst brachten die Araber die Stricknadeln und das zugehörige Know-How nach Spanien, von wo aus es sich über das restliche Europa ausbreitete.

Pullover (aus dem Englischen ‚to pull over’, ‚überziehen’) gehörten vor allem zur Arbeitskleidung, über die man in höheren Gesellschaftsschichten die Nase rümpfte. Erst im frühen 19. Jahrhundert breiteten sie sich in Deutschland aus. Wieder hundert Jahre später, im Zuge der Begeisterung für sportliche Betätigung wie Tennis und Golf, wurde der Pullover gesellschaftsfähig.

Im Geschäftsleben spielt der Pullover noch immer eine zu vernachlässigende Rolle.
Der Norwegerpulli (der übrigens eigentlich aus Island und von den Färöer Inseln stammt), verlieh auch schon zu seinen Hochzeiten in den 70er und 80er Jahren seinem Träger eher den Nimbus einer Karikatur. Wobei die Uniform der ‚gegnerischen’ Popper, der fein gestrickte Lacoste-Pulli, gerade wieder ein Revival erlebt.
Wer heute seine Naturverbundenheit zum Ausdruck bringen will, der ist nach wie vor mit einem dunkelblauen Troyer gut bedient. Der Aran-Pullover besticht zwar mit seinen kunstvollen traditionellen Zopfmustern, doch ihn umweht ein Hauch 80er und 90er Jahre. Hier sollte man sich zumindest für ein Modell mit einem halsnahen Schalkragen entscheiden und nicht für den Rundhalsausschnitt.
Die Favoriten der letzten Herbstsaison, den melierten Rollkragenpullover, darf Mann sich weiterhin überziehen, wenn die Temperaturen sinken. Wir raten von der Kombination mit einer Cargo-Hose ab, da dieser Förster-Look doch etwas zu rustikal wirkt.
Wer es avantgardistischer mag, der wird in der Kollektion von Armani fündig, wo Pullover jetzt asymmetrisch gewickelt werden.

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