Schon gewusst, wie Origami für Anzugträger geht?

am 6. September 2012

Lange galt es als unmodern und übertrieben: das Einstecktuch in der Brusttasche des Sakkos. Nun ist die Freude am Stil zurückgekehrt und so mancher Anzugträger entdeckt die faszinierende Vielfalt des Faltens. Dank eines quadratischen Stück Stoffs bekommt der doch recht uniforme Look mit dunklem Anzug eine ganz individuelle Note.

Das Einstecktuch, auch Pochette oder Kavalierstuch genannt, hat eine lange historische Reise hinter sich. Sein Vorfahr war das schlichte Taschentuch und dessen praktischen Eigenschaften wusste man schon in der frühen Antike zu schätzen. Allerdings war es damals nur ein Schweiß- und Mundtuch, die Nase putze man sich damit nicht. Im 11. Jahrhundert kam dem Taschentuch zusätzlich die noble Rolle als heimliches Liebespfand beim Minnedienst zu. Im 17. Jahrhundert war das Taschentuch dann nicht nur ein reich bestickter Luxusartikel des Adels, sondern ein verbreiteter Alltagsgegenstand.

Das Einstecktuch, wie wir es heute mit seiner rein dekorativen Funktion kennen, entstand in der Biedermeierzeit. Zunächst trug man es, um dem Reitanzug einen kräftigen Farbtupfer zu verleihen. Als sich in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts das Sakko als Geschäftskleidung etablierte, nutzte man die Pochette zur optischen Aufwertung der Anzugsjacke. Vorrausetzung für das Tragen eines Einstecktuchs ist logischerweise das Vorhandensein einer äußeren Brusttasche. Was viele nicht wissen: Bis ins Jahr 1930 hatte der klassische Frack keine Brusttasche und man schmückte sich gewöhnlich mit einer Nelke am Revers. Heute trägt man zum Frack ein weißes Kavalierstuch.

Viele unterschätzen die vielfältigen Möglichkeiten der Einstecktücher. Meist handelt es sich bei dem quadratischen Stück Stoff um Leinen, Baumwolle oder Seide. Das Seidentuch wird vor allem durch handrollierte Ränder zu einem besonders hochwertigen Accessoire. Farblich sollte das Tuch mit dem Hemd oder der Krawatte abgestimmt sein. Es gibt Krawatten und Einstecktuch übrigens auch im abgestimmten Set zu kaufen. Entscheidet man sich bei einem einfarbigen Hemd für ein gemustertes Einstecktuch, sollte die Farbe von Hemd oder Krawatte im Tuch wieder aufgenommen werden.

Die wahre Herausforderung ist das korrekte Falten. Der erste Schritt ist, das Tuch sehr sorgfältig zu bügeln. Wer es ganz genau nimmt, kann das Tuch auch während des Prozess des Faltens immer wieder Bügeln, so wird die Faltung besonders präzise und haltbar. Ohne Bügeln und anspruchsvolle Feinmotorik kommt man bei der Bauschfaltung aus. Man greife die Mitte des Tuches, packe das Tuch mit der anderen Hand so, dass aus den Rändern eine Art Blüte entsteht und arrangiere es so in der Brusttasche.

Aufwändiger sind die rechteckige Faltung, die Dreiecksfaltung, die Two-Corners-up-Faltung oder die Three-Corners-up-Faltung. Sollte Ihnen die Faltung nicht millimetergenau gelingen, hat dies auch seinen Vorteil: Die kleinen Unperfektheiten zeigen, dass sie selbst Hand angelegt haben und nicht zur vorgefalteten und auf Karton genähten Attrappe gegriffen haben!

Wir finden, dass das Falten durchaus mit der meditativen Versenkung des Origami-Faltens konkurrieren sollte. Bleiben Sie jedoch immer schlicht in der Form. Im Klartext: Falten Sie keine bitte keine Kraniche, die aus ihrer Brusttasche lugen. Inspiration zum Falten finden Sie in diesem kurzweiligen Video des Stilexperten Aaron Marino.

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