Taschentuch: Ein Stück Stoff mit Geschichte

am 12. Juni 2013

Ihre Daseinsberechtigung haben Taschentücher aus Stoff seit der Erfindung von Papiertaschentüchern fast verwirkt. Wir wollen dennoch einen genaueren Blick auf das schlichte Stück Stoff und seine Geschichte werfen.

Warum ein Accessoire verschwindet, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Krawatten erfüllen beispielsweise keine konkrete Funktion und sind vielen sogar lästig, sie klammern sich dennoch weiter an den Krägen der Herren fest.

Das Taschentuch aus Stoff hingegen eignete sich über Jahrhunderte hinweg nicht nur dazu, um einen Knoten hinein zu tun, wenn man sich an etwas erinnern wollte. Zog ein geliebter Mensch in die Ferne, winkte man ihm vom Bahnsteig oder Kai aus mit dem weißen Taschentuch zu.

Die Dame von Welt ließ „zufällig“ ihr Taschentuch fallen, um dem Galan eine Gelegenheit zur Kontaktaufnahme zu geben. Ein diskret gereichtes Taschentuch, um Tränen der Rührung zu trocknen, zeigte Fürsorge und Verbundenheit. Auch in manchem folkloristischem Tanz wie der Marinera aus Peru, kommt das Taschentuch zum Einsatz. Im Takt zur Musik wird es von den Tänzern geschwungen. Ein Taschentuch, gefunden am falschen Ort, kann aber auch Tragödien auslösen – fragen Sie Desdemona, die so zum Opfer des eifersüchtigen Othellos wurde.

Taschentücher, mit denen man sich die Nase putzt, versteckte man im alten Rom schon hundert Jahre vor Christi Geburt in den Falten der Toga. Hunderte Jahre gab es Taschentücher dann in allen möglichen Formen. Dreieckig, rund, rechteckig oder eben quadratisch. Es war Marie Antoinette, die Gattin von Ludwig XVI, die erklärte, dass nur quadratische Taschentücher wirklich „angesagt“ seien. Damit setzte sie einen ausgesprochen hartnäckigen Trend in die Welt!

Das Aufkommen des Papiertaschentuches ging die Ära des Stofftaschentuchs innerhalb weniger Jahrzehnte zu Ende. Übrigens wurde das Papiertaschentuch fast zeitgleich in Deutschland und den USA zum Verkaufsschlager. Unter dem Namen Tempo meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg ein Warenzeichen für das erst Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff an.

Im gleichen Jahr begann auch die Firma Kimberly-Clark mit der Produktion eines Papiertaschentuchs namens Kleenex. Hygienischer und praktischer mögen Kleenex und Tempo sein – aber wer weiß: Vielleicht gibt es im Zuge der Nachhaltigkeit auch bald wieder den Trend zum guten alten Taschentuch aus Baumwolle.

Wir finden, der Erhalt mancher ausgestorbener Modeartikel hat seinen Reiz. Wie eben ein Taschentuch aus Stoff, oder beispielsweise Nachthemden. Herren, die gewissen altmodischen Dingen einen sentimentalen Wert zugestehen, verströmen den Charme des wahren Gentlemans.

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