Der Fussball hat seine eigene Welt (Teil 2)

am 13. August 2012

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Modetagebuch interviewte Joachim Löw fĂŒr Nivea for Men. Teil 2
Glauben Sie, dass der Fußball und die Art zu spielen, die Menschen und Kultur des Mannschaftslandes reprĂ€sentieren?
Joachim Löw: „Ich glaube schon, dass dies im Fußball ein StĂŒck weit der Fall ist. Aber in den Zeiten der Globalisierung, die es ja auch im Fußball gibt, hat es an Bedeutung verloren. Deutsche Mannschaften können sich in Turnieren beziehungsweise in entscheidenden Spielen noch immer steigern. Aber darauf kann man sich nicht mehr verlassen, weil auf diesem Gebiet auch die anderen Nationen aufgeholt haben. Spieler, die jahrelang im Ausland spielen, nehmen natĂŒrlich auch die MentalitĂ€t ihres Umfeldes an. Japanische Spieler, die vier Jahre in Deutschland spielen, lernen auch Teile der deutschen Fußball-MentalitĂ€t kennen, weil sie beispielsweise erleben, wie man entscheidende Spiele angeht. Im Fußball treffen verschieden Kulturen und Menschen aufeinander und da findet automatisch ein Austausch statt.“
Wie sehen die Rolle und die Aufgaben eines Profi-Trainers in Zukunft aus? Bleibt es beim Ex-Profi-Spieler oder ist es kĂŒnftig ein Manager mit MBA und FĂŒhrungsqualitĂ€ten?
Joachim Löw: „Am besten natĂŒrlich beides. Aber natĂŒrlich haben die FĂŒhrungsqualitĂ€ten an Bedeutung gewonnen, weil sich eben auch die Aufgaben eines Profi-Trainers in den vergangenen Jahren geĂ€ndert haben. Bei mir war zum Beispiel ein ganz entscheidendes Kriterium die Zeit zwischen 2004 und 2006, da habe ich gelernt zu delegieren. Davor war ich auch immer der Überzeugung, ein Trainer kĂŒmmert sich am besten um alles. Als Bundestrainer habe ich eine Gruppe von mehr als 50 Personen durch eine Zeit zu steuern, die insgesamt rund acht Wochen dauert. Man muss ein Umfeld schaffen, in dem jeder seine StĂ€rken einbringt und in dem Leistung gesteigert werden kann. Dazu kann eine Erfahrung als ehemaliger Spieler auch einen Teil beitragen – aber ohne FĂŒhrungsqualitĂ€ten geht das auf keinen Fall.“
Neben Ihrem Job auf dem Platz sind Sie zum Beispiel auch der „Pflegecoach“ der MĂ€nnerkosmetik-Marke NIVEA FOR MEN. Den Trainer der 54er-Weltmeistermannschaft Sepp Herberger kann man sich in einer solchen Rolle schwer vorstellen. Ist Ihr Engagement ein Symbol dafĂŒr, dass sich der Fußball verĂ€ndert hat?
Joachim Löw: „Das hat nichts mit der Persönlichkeit Sepp Herberger zu tun, sondern liegt einfach an den gravierenden VerĂ€nderungen des Fußballs, die es in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere aber in den vergangenen Jahren gegeben hat. Das gesamte Umfeld hat sich verĂ€ndert: Medienarbeit, Sponsoren, Verband, Stadien, Zuschauerstruktur – nahezu alles hat sich verĂ€ndert. Spieler und Trainer ĂŒben nicht nur ihren Sport aus, sie reprĂ€sentieren auch ihren Verein, den Verband, Sponsoren oder ein ganzes Land. FrĂŒher ist man im Trainingsanzug und Turnschuhen gereist, heute ist es wichtig, dass eine Mannschaft als ReprĂ€sentant verschiedener Institutionen geschlossen und gut angezogen auftritt.“
Der EuropĂ€ische Fußball genießt Vormacht-Stellung auf globaler Ebene – wie glauben Sie, wird sich diese Stellung in den nĂ€chsten Jahrzehnten entwickeln?
Joachim Löw: „Das ist schwer zu sagen. Ich glaube seit Jahren, dass der afrikanische Fußball bei den Weltmeisterschaften weiter nach vorne kommt – aber bisher hat das noch nicht geklappt. Und derzeit denke ich, dass sich der asiatische Fußball weiter entwickelt. Immer mehr Japaner oder SĂŒdkoreaner spielen in den europĂ€ischen Ligen und lernen hier die taktische Disziplin kennen. Aber klar: Bei den letzten beiden Weltmeisterschaften waren von insgesamt acht Halbfinalteilnehmer sieben aus Europa. Das spricht momentan eine deutliche Sprache – auch im Hinblick auf die EM. Aber ich glaube, dass kein Grund zur Überheblichkeit besteht oder zum Ausruhen. Andere Kontinente werden weiter aufholen.“
Technische Innovationen werden im Fußball eher skeptisch betrachtet, wobei der Rest der Gesellschaft schon komplett im digitalen Zeitalter angekommen ist. Hinkt der Fußball dort hinterher?
Joachim Löw: „Der Fußball hat natĂŒrlich seine eigene Welt – wie andere Sportarten auch. Und damit war er in den vergangenen Jahrzehnten richtig erfolgreich. Man kann ja nicht sagen, dass Sportarten, die im digitalen Zeitalter angekommen sind, dem Fußball das Wasser abgraben. Der Fußball ist ja lĂ€ngst auch im digitalen Zeitalter angekommen – dies sieht man vor allem in der Analyse und in der Trainerarbeit und auch die Fans reden immer wieder ĂŒber Videobeweis und Ă€hnlichem. Auf der anderen Seite ist es aber ein großes Erfolgsgeheimnis des Fußballs, dass ĂŒberall nach den gleichen Regeln gespielt wird: Von Timbuktu bis Honolulu, von der E-Jugend bis hin zur Weltmeisterschaft. Das darf man nicht vergessen.“
Wenn man Innovation im Fußball mit Innovation in der Wirtschaft vergleicht – wo sind Gemeinsamkeiten, wo Differenzen?
Joachim Löw: „Ich habe noch nie in einem Konzern gearbeitet, aber ich war jetzt beispielsweise mehrmals zu Gast im modernen Forschungszentrum von Beiersdorf in Hamburg. Da wird sehr strategisch, systematisch und intensiv an neuen Produkten und Produktverbesserung gearbeitet. Innovation ist dort Hauptbestandteil der GeschĂ€ftsstrategie. Im Fußball sind quasi die Menschen das Produkt. Ich kann die beste, neueste und modernste Taktik entwerfen – bin aber bei der Umsetzung auf Menschen mit all ihren StĂ€rken und SchwĂ€chen angewiesen. Beiersdorf entwickelt ein Produkt aufgrund messbarer Tatsachen und versucht es zu verkaufen. Wir entwickeln eine Mannschaft – haben es aber dann mit einem Gegner zu tun, der unsere Entwicklung direkt im Zweikampf bekĂ€mpft und haben weitere UnwĂ€gbarkeiten wie Tagesform unserer Spieler, Tagesform der gegnerischen Spieler, Schiedsrichter, Spielverlauf und anderes. Ich bin ĂŒberzeugt: Bei Beiersdorf fĂŒhren innovative Entwicklungen mit grĂ¶ĂŸerer Gewissheit zum Erfolg als beim Fußball.“
Wie wird der Fußball in Zukunft erweitert? Wenn man die Trainer- und Betreueranzahl von heute mit denen von 1954 vergleicht, ist da schon ein enormer Fortschritt zu erkennen. Welche Bereiche glauben Sie werden in Zukunft noch stĂ€rker ausgebaut? Gibt es bald einen Pflegebeauftragten, der individuelle Pflegeprogramme fĂŒr jeden einzelnen Spieler entwickelt?
Joachim Löw: „Ich bin mir sicher, dass die Athletik und die körperlichen Voraussetzungen noch weiter verbessert werden durch bessere Regenerationsmöglichkeiten, bessere ErnĂ€hrung und Ă€hnlichem. Das Spiel wird somit noch schneller werden. Der Bereich Wellness zur Leistungssteigerung wird einen noch grĂ¶ĂŸeren Wert einnehmen – auch der Begriff Pflege. Der Körper ist das Kapital der Spieler, die Anforderungen werden immer grĂ¶ĂŸer – man schafft schon heute nicht mehr, diesen Anforderungen gerecht zu werden, wenn man seinen Körper nicht pflegt.“
DĂŒrfen wir uns das so vorstellen, dass sich die Nationalelf von 2012 mit ihrem Trainer bei der EM ĂŒber gute Gesichtscremes austauscht?
Joachim Löw (lacht): „So weit ist es noch nicht. Allerdings legen die Spieler schon sehr viel Wert auf Körperpflege, das merkt man. Jeder hat einen großen Kulturbeutel mit Pflegeprodukten unterm Arm, wenn er in die Kabine geht. Die Spieler gehen sehr bewusst mit ihrem Körper um, der ist ja ihr Kapital. Daher pflegen sie ihn: mit Massagen, Körperpflege, Cremes, Shampoo, Deo und allem was man so braucht. Und sie wissen: Wenn sie die Kabine nach dem Spiel verlassen, stehen sie sofort in der Öffentlichkeit.“

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