Hochzeitsbräuche: Blumen gegen die Ohnmacht

am 27. April 2015

Hochzeitsbräuche


Wären die Damen in der Renaissance nicht so oft in Ohnmacht gefallen, gäbe es vielleicht heute keinen Brautstrauß. Und wenn die Menschen vor Jahrhunderten nicht so abergläubisch gewesen wären, müssten wir heute auf manchen Hochzeitsbrauch verzichten. Wir haben Rituale vom Polterabend bis zum Schleiertanz unter die Lupe genommen.

Das Kränzen: In vielen Regionen ist es üblich, dass sich die Nachbarn vor der Hochzeit zum Papierrosen basteln treffen. Während die Frauen basteln und Kurze trinken, sind die Männer meistens in der Nähe eines Bierfasses zu finden. Ihre Aufgabe ist es später, die Rosen samt Türkranz aus Tannenzweigen an der Haustüre des Paares anzubringen. Das Spektakel bleibt natürlich nicht unbemerkt und das Brautpaar bedankt sich für so viel Einsatz – meistens mit Schnaps. Zur Silberhochzeit wird das Ganze dann im Idealfall wiederholt.

Der Junggesellenabschied: Wer kennt sie nicht, die Kaninchen und holländischen Antjes, die, von einem Pulk Angeheiterter begleitet, grölend durch die Innenstadt ziehen? Rette sich wer kann – ein Junggesellenabschied! Was heute gerne in Tabledance-Bars endet, war in der Vergangenheit eine ernste Angelegenheit. Und die stammt aus England: Vom Brautvater organisiert, musste der Zukünftige lange Reden über die Ehe über sich ergehen lassen. Im Laufe der Jahre kamen dann Spiele und Hochprozentiges hinzu und es ging eher darum, was dem Bräutigam in Zukunft entgehen wird … Heutzutage lassen es Frauen natürlich genauso krachen wie Männer.

Der Polterabend: Porzellan, alte Badezimmer-Armaturen oder Schwiegermutters Geschirr, das man noch nie mochte: Es darf endlich zertrümmert werden! Meistens findet die Randale, kleiner Umtrunk inklusive, vor dem Haus des Brautpaares statt. Scherben bringen schließlich Glück! Allerdings nicht jede Art von Scherben: Im Mittelalter stand das Wort „Scherbe“ für Töpfergut. Demnach bedeutete das Sprichwort eigentlich „Gefüllte Vorratsgefäße aus Ton bringen Glück“. Glas sollte auf keinen Fall zerschlagen werden, das bringt Unglück! Im Anschluss muss das Brautpaar gemeinsam fegen.

Vor dem 16. Jahrhundert zogen Verwandte, Nachbarn und Freunde des Brautpaars übrigens mit Stöcken und Peitschen ausgerüstet durch das Dorf, um ordentlichen Lärm zu machen. Der Krach – ob nun beim Umzug oder beim Porzellan zerbersten – sollte böse Geister und Dämonen vom Brautpaar fernhalten.


Der BrautstrauĂź:
Blumenschmuck zur Hochzeit gab es zu allen Zeiten. Allerdings hatte der Brautstrauß in der Renaissance einen ganz besonderen Zweck: Körperhygiene war kein großes Thema. Es hat also – pardon – gemüffelt. Nicht schön. Schon gar nicht am Tag der Hochzeit. Um den Mief zu überdecken wurde ordentlich Weihrauch eingesetzt – was wiederum zu dicker Luft führte. Damit die Braut nicht schneller in Ohnmacht fiel, als sie „Ja“ sagen konnte, trug sie einen Duftstrauß. Der intensive Geruch der Blüten sollte dafür sorgen, dass sie ihre Trauung auch mitbekam …

Blüten streuen: Ein niedlicher Anblick, wenn Blumenkinder beim Auszug aus der Kirche vor dem Brautpaar hergehen. Allerdings ist dies ein heidnischer Brauch: Der Duft der Blüten sollte Fruchtbarkeitsgöttinnen anlocken und dem Paar reichlich Nachwuchs bescheren.

Die Brautentführung: Grade verheiratet und schon ist sie weg, die Gattin. Entführt. Also muss sich der Bräutigam auf die Suche machen, so schnell will er seine Liebste nun auch nicht loswerden. Während die Braut mit ihren Kidnappern von Kneipe zu Kneipe zieht
und die Zeche prellt, schwitzt der Bräutigam Blut und Wasser. Hat er seine Herzdame endlich gefunden, muss er diese natürlich auslösen. Einer muss ja zahlen.

Was heute lustig ist, war nach einem Mythos des Mittelalters bitterer Ernst. Der Adel beanspruchte angeblich das „Recht der ersten Nacht“ (ius primae noctis) und somit die Entjungferung seiner weiblichen Untertanen. Die Braut wurde also vor der Hochzeitsnacht entführt. Die Trauzeugen waren deshalb beauftragt, die Frauen davor zu schützen.

Der Schleiertanz: Nicht nur für Aschenputtel ist der Zauber um Mitternacht vorbei: Auch die Braut ist dann keine Braut mehr, sondern Ehefrau. Nach germanischem Brauch wurde der Schleier beim Tanz von unverheirateten Damen geraubt und in Stücke gerissen. So sollten weibliche Gäste vom Segen des Brautpaares profitieren. Dieser Brauch existiert noch heute.

Über die Schwelle tragen: Gratulation an diejenigen, die es nach einer ausgiebigen Hochzeitsfeier noch schaffen, ihre Liebste, in Unmengen von weißen Tüll gehüllt, über die Schwelle zu tragen. Aber warum macht man das eigentlich? Und wieder sind die Geister schuld. Oder besser gesagt, der Aberglaube. Früher glaubte man nämlich, diese lauern unter der Türschwelle. Die Meisten wissen ja heutzutage, dass keine bösen Mächte unter Türen lauern. Doch wenn er sie nach der Party noch über die Schwelle trägt, fällt uns nur Eines ein: Das ist Liebe!

Passende Produkte zum Artikel

Vorheriger ArtikelDER BLOUSON – LEINWAND-HELD ĂśBER UMWEGE Nächster ArtikelUnser Style-Kompass