Rosshaar und elegante Herrenmode – was haben sie miteinander zu tun?

am 28. November 2014

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Auto-Interessierte kennen die Fakten des Motors, der das Auto antreibt: Zylinderanzahl, Hubraum, Turbo oder Twin-Turbo, quer- oder längs eingebaut. Was viele Mode-Interessierte aber nicht kennen, ist das Innenleben eines Sakkos. Während man beim Auto durch Öffnen der Motorhaube die Details des Motors erblicken kann, bleibt einem der Blick ins (Anzug-) Sakko verwehrt, da der Futterstoff im Sakko mit dem Oberstoff fest vernäht ist.

Wie sieht so ein Innenleben nun aus, das das Sakko vor allem in Schulter- und Brustpartie in Form hält?

Man unterscheidet drei Verarbeitungsmethoden: die traditionelle Methode, die semi-traditionelle Methode und die sogenannte Vollfixierung.

Die traditionelle Variante wird oft auch als Schneidervariante bezeichnet. Sie ist die historisch älteste und aufwändigste. Hierbei wird die Vorderseite des Oberstoffs mit einer Einlage aus Rosshaarzwirn vernäht. Auf diese Einlage kommt im Brustbereich der sogenannte Plack, der ebenfalls aus mehreren Einlageschichten aus Rosshaar und Leinen besteht. Bei dieser Methode sind alle Einlagen mit der Hand vernäht, was sich auch im Verkaufspreis widerspiegelt. In der Regel sind solche Sakkos – natürlich auch unter Berücksichtigung der eingesetzten Oberstoffe – nicht unter 3.000 Euro zu erwerben.

Die semi-traditionelle Verarbeitung wird auch als teilfixierte Methode bezeichnet. Hier wird die Sakkofront mit einem Einlagestoff fixiert, indem diese durch eine Fixierpresse verbunden werden. Der „lose“ Brustplack (wie oben in der Regel aus mehreren Rosshaargewebeschichten) wird über Armloch, Schulter und Reversnähte mit den restlichen Teilen verbunden. Solche Sakkos sind heute beim gehobenen Mittelgenre in der Regel ab etwa 350 Euro zu finden.

Bei der vollfixierten Verarbeitung ist das Innenleben von Sakkofront, Brustbereich, Kragen und Revers komplett fixiert. Diese Methode wird auch als industrielle Methode bezeichnet und deckt einen breiten Massenmarkt ab.

ZurĂĽck zur Ursprungsfrage:

Der bei der traditionellen und semi-traditionellen Methode eingesetzte Plack besteht aus Rosshaar. Die Schweif- und Mähnenhaare der Pferde werden zu einem Garn verzwirnt, aus dem man später ein Gewebe erzeugt. Der Vorteil von Rosshaar ist die hohe Sprungelastizität, d.h. das Rosshaar hat ein enormes Rückformvermögen und bringt das im eingesetzten Bekleidungsteil (Sakko) im Front und Schulterbereich immer in seinen Ursprungszustand (keine Falten) zurück.

Übrigens gibt es mit Kufner Textilwerke (seit 1862) und Hänsel Textil (seit 1908) zwei traditionelle deutsche Unternehmen, die seit über 100 Jahren Rosshaareinlagen für den Bekleidungsbereich herstellen – eine schöne Tradition.

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