75 Jahre und kein bisschen weise? Das würde man Wolfang Joop wahrscheinlich nicht unterstellen. Aber der Potsdamer Junge, der es nach einer Reise einmal um die halbe Welt und zurück zur Lichtgestalt im internationalen Modegeschäft gebracht hat, gefällt sich nach wie vor in der Rolle des ewig Unangepassten. Vor einigen Jahren hat sich der Designer vor einigen Jahren noch einmal gegen die Konventionen des Modezirkus aufgebäumt und die Glamourwelt gegen den beschaulichen Bauernhof der Großeltern eingetauscht, direkt neben dem Grundstück von Schloss Sanssouci.

Ein Ruheständler ist Joop aber freilich noch lange nicht. Und auch die Scharfzüngigkeit, mit der er nicht nur die Oberflächlichkeit seiner Arbeitswelt, sondern auch die eigene Eitelkeit auf die Schippe nimmt, ist geblieben. Auf seine perfekten Zähne angesprochen räumt er freimütig ein: ''Mit denen habe ich mir mein Vermögen zusammengegrinst.'' Etwas mehr als ein blendend weißes Gebiss steckt dann aber doch hinter der beispiellosen Erfolgsgeschichte, die schon in den Sechzigerjahren ihre Anfänge nimmt.

Vom Studienabbrecher zum Stardesigner

Damals beginnt der junge Wolfgang Joop auf Drängen seines Vaters, Kunstpädagogik in Braunschweig zu studieren. Zwar beendet er das Studium nicht, seine kreative Ader lebt er allerdings in verschiedensten Bereichen aus. Als Restaurator und Maler betätigt er sich, bevor er gemeinsam mit Ehefrau Karin an einem Modewettbewerb der deutschen Frauenzeitschrift Constanze teilnimmt - und die ersten drei Preise gewinnt. Anschließend arbeitet Joop als freiberuflicher Redakteur und Designer, womit er gewissermaßen den Grundstein für sein späteres Schaffen legte.

Seine erste eigene Pelzkollektion präsentierte der Designer bereits 1978 in New York, bis Mitte der Achtziger folgten dann die ersten Prêt-à-Porter-Kollektionen für Damen und Herren. Seinen Namen zur Marke machte Joop schließlich 1987, als er gemeinsam mit Herbert Frommen das Mode- und Lifestyle-Unternehmen ''JOOP!'' in Hamburg gründete. Nicht nur Bekleidung, sondern auch Düfte, Schuhe, Brillen und - kein Scherz - sogar Wasserhähne zählten zum Portfolio der Marke, die sich fortan nicht mehr als Designerlabel versteht. Mit der Positionierung im oberen Mittelpreissegment werden die Stücke, die den widersprüchlichen Zeitgeist zwischen unangepasster Attitüde und Yuppie-Sterilität perfekt einfangen, auch abseits gut informierter Modekreise populär. Ende der Neunziger liegt der Jahresumsatz von JOOP! bei mehr als einer halben Milliarde D-Mark.

Trotz des anhaltenden Erfolgs rumort es allerdings um die Jahrtausendwende hinter den Kulissen. 1998 verkauft Wolfgang Joop 95 Prozent seiner Firmenanteile, bleibt aber zunächst weiterhin als Chefdesigner seines Labels. Drei Jahre später gibt er jedoch auch die restlichen 5 Prozent ab und verlässt JOOP!, um sich wieder frei zu machen vom Konzernkonstrukt mit Lizenznehmern und dem weiteren Ausbau der Marke.

Wiederkehr als Wunderkind

Zusammen mit seinem Lebenspartner Edwin Lemberg gründet Joop 2003 ''Wunderkind'', eine Art kreativen Befreiungsschlag in der Vita des Designers. Weg von der Masse, zurück zur Crème de la Crème. Kompromisslos, authentisch und ohne falsche Bescheidenheit. Das neue Label widmete sich wieder voll und ganz der Extravaganz, war dementsprechend auch im oberen Preissegment angesiedelt. Von der Fachwelt werden die Joop?schen Entwürfe teilweise frenetisch gefeiert, eigene Boutiquen eröffnet das Label nicht nur an deutschen Mode-Hotspots wie München und Sylt, sondern sogar in London. Aber während Wunderkind sich nach außen hin kosmopolitisch aufstellt, macht Wolfgang Joop selbst einen Schritt zurück ins Provinziale.

In der Villa Rumpf befindet sich bis 2016 Betriebsstätte des Labels, einem Backsteinbau in Joops Geburtsstadt Potsdam. Neben den großen Modenschauen von Mailand bis Paris werden die Wunderkind-Kollektionen auch hier im historischen Gebäude am Heiligen See vor Publikum präsentiert. Im Jahr 2017 ist allerdings ? nach einer letzten Fashion Show in Mailand ? auch bei Wunderkind Schluss für Joop und er trennt sich von der Marke. Im Sommer desselben Jahres lanciert der Modeschöpfer sein neues Label LOOKS, das ganz konträr zur schnelllebigen Fashionindustrie auf Entschleunigung setzt.

Looks statt Laufstegshows

Dass LOOKS keine herkömmlichen Schauen mehr zeigt und sich auch sonst abseits der strengen Industrieregeln bewegt, ist allerdings nicht nur Joops Rückkehr ins beschauliche Brandenburg geschuldet. Während seiner Gastauftritte als Juror bei ''Germany?s Next Topmodel'' kam der Designer häufig mit jungen Mädchen in Kontakt, die seine Wunderkind-Entwürfe zwar furchtbar gerne tragen würden - sich die High Fashion-Stücke aber schlichtweg nicht leisten können. So bleibt LOOKS zwar eine Premiummarke, kann sich durch höhere Stückzahlen eine deutlich demokratischere Preispolitik als Wunderkind erlauben. ''Ich brauch es nicht für meinen Ruhm. Ich brauche es auch nicht für mein Einkommen. Aber es macht mir einfach Spaß'', fasst Joop die angenehm unbekümmerte Attitüde hinter seinem jüngsten ''Baby'' zusammen.

Zurück zum Ursprung

Auch privat scheint der Modeschöpfer nun, mit 75 Jahren endlich angekommen zu sein. Auf dem Familienanwesen in Potsdam-Bornstedt lebt er nun als Patriarch der Familie Joop gemeinsam mit Ehemann Edwin Lemberg, die Töchter Jette und Florentine sowie deren Mutter Karin Metz leben in direkter Nachbarschaft. Verständlicherweise ist Wolfgang Joop überzeugt davon, dass es kaum einen besseren Ort auf der Welt gibt: ''Das ist einfach so. Ich hatte die große Chance, es testen zu dürfen. It?s the best place.''