Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Modelandschaft des 20. Jahrhunderts - und darüber hinaus - feiert dieser Tage ihren 75. Geburtstag. Werner Baldessarini ist nicht nur Gründer und Namensgeber seiner eigenen Herrenmodemarke. Auch die Geschicke von HUGO BOSS prägte er maßgeblich, sowohl als Designer als auch später in der Funktion als CEO.


 

DOLCE VITA UND DEUTSCHE WERTARBEIT

 

1945 im tirolerischen Kufstein als Sohn von - kein Witz - Maria und Josef Baldessarini geboren, wird ihm die Affinität zur Bekleidung fast schon in die Wiege gelegt. Bereits die Eltern betrieben in München einen Großhandel für Textilien wie Nähseide und Strümpfe, wo der Sohn auch schon erste Inspiration für seinen späteren Berufsweg findet. "Mein Vater hat verhältnismäßig wenig gearbeitet und ganz gut Geld verdient. Da habe ich gedacht, das machst du auch mal," sagte Baldessarini später. Der italienische Nachname stammt von den Großeltern, genau wie das Stilbewusstsein, das für den Designer schon in jungen Jahren wichtig ist. Die Mutter stammt aus Nürnberg, von ihr schaut sich Baldessarini die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit ab. "Ich musste 18 werden, bis ich mitbekommen habe, dass im Grunde meine Mutter die Firma geführt hat. Die hat die Kinder erzogen, den Laden gewuppt," erzählt der Designer in einem Interview.


 

ERSTE SCHRITTE IN MÜNCHEN

 

Obwohl ihn der elterliche Betrieb durchaus prägt, heuert der junge Werner mit 16 Jahren allerdings außer Haus an. Nach seinem Realschulabschluss beginnt er eine Lehre als Textilkaufmann beim Münchner Traditionsgeschäft Hirmer. Danach legt Baldessarini einen beeindruckenden Karriereweg hin: Beim ebenfalls in der bayrischen Landeshauptstadt beheimateten Herrenausstatter Wagenheimer wird er vom Verkäufer zum Abteilungsleiter und schließlich zum Chefeinkäufer. 1975 werden die Brüder Uwe und Jochen Holy auf Baldessarini aufmerksam. Die beiden sind Enkel von Hugo Boss und beim gleichnamigen Unternehmen damals mit einem ambitionierten Aufbau der Marke beschäftigt. Als Designer war Baldessarini maßgeblich am Aufstieg des schwäbischen Labels zur Weltmarke beteiligt - Ende der Achtziger wird er zudem Teil des Aufsichtsrates.


 

DER BOSS VON BOSS

 

Der Posten ist für den Österreicher allerdings noch lange kein Anlass, sich aus dem Kreativbereich zurückzuziehen. Überhaupt sollten Designer nach Meinung von Werner Baldessarini bei einer Modemarke das Heft in die Hand nehmen: "Die Kreativabteilung muss das Sagen haben im Unternehmen. So war's in meiner Zeit. Das war der Erfolg." Mit dieser Philosophie werden die Neunzigerjahre unter Werner Baldessarini als Chefdesigner zu einem der erfolgreichsten Dekaden in der Firmengeschichte von HUGO BOSS. 1993 wird das nach ihm benannte Label Baldessarini als stilvoll-maskuline Premiummarke mit Liebe zum Detail eingeführt. Es folgen das jugendliche Sub-Label HUGO und die Sportswear-Linie BOSS Orange, 1998 wird Baldessarini außerdem Vorstandsvorsitzender von HUGO BOSS. Zwei Jahre später lanciert der Designer die Damenmode-Linie BOSS woman, bevor er 2002 in den Aufsichtsrat wechselt.


 

GEORDNETER RÜCKZUG

 

Damit endet nicht nur eine Ära für Werner Baldessarini selbst, sondern auch für das weltbekannte Unternehmen, das er maßgeblich geprägt hat. Für viele kommt der Schritt überraschend - zumal Baldessarini damals gerade einmal 57 Jahre alt ist. "Einige dachten, ich bin krank, Krebs oder so", erinnert er sich in einem Interview. "Aber ich habe mir damals gesagt, das Geld reicht, und jetzt mache ich nur noch schöne Dinge, die mir Spaß bringen." Nachdem HUGO BOSS die Marke Baldessarini im Jahr 2006 veräußert, kauft der Namensgeber sein Label selbst auf - nur um es im selben Jahr weiterzuverkaufen. Fortan gehört die Marke zur Ahlers AG, Werner Baldessarini wurde 2010 in den Aufsichtsrat des österreichischen Strumpfherstellers Wolford berufen.


 

TRAUTES TIROL

 

In erster Linie scheint die Design-Koryphäe aber mittlerweile den wohlverdienten Ruhestand in der neuen Wahlheimat Kitzbühel zu genießen. Hier lebt Baldessarini seit einigen Jahren mit Ehefrau Cathrin, von seiner Geburtsstadt Kufstein nur eine halbe Stunde entfernt. Es ist aber natürlich nicht die Gesellschaft der Bosse und Milliardäre - Wichtelmeier, wie Baldessarini sie gerne nennt -, die er an dem österreichischen Örtchen zu schätzen weiß. Vielmehr amüsiert er sich bei den unbekümmerten Festen in seinem Stammlokal. "Wir hatten mal ein Indianerfest beim "Stanglwirt", und wenn einer nicht im Kostüm kam, konnte er gleich nach Wyoming durchreiten," erinnert er sich in einem Interview. Wir hoffen, dass Werner Baldessarini seinen 75. Geburtstag mindestens ebenso gebührend feiert und wünschen alles Gute!